Institut für Volkswirtschaftslehre

                                       Fachgebiet Dienstleistungs- und Arbeitsmarktökonomik (520G)

                                                                    
                                                                    
Prof. Dr. Thomas Beißinger


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Rezension von Claus F. Hofmann im Bundesarbeitsblatt 3/1997 zu:
Inflation und Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland
Eine Analyse anhand von Modellen mit unvollkommenem Wettbewerb

Von Thomas Beißinger. Marburg: Metropolis, 1996, 330 Seiten,
68DM/63SFr/496ÖS, ISBN3-89518-095-5

Beißingers Arbeit ist das Ergebnis vierjähriger Forschungsarbeit, die im Sommer letzten Jahres als Dissertation vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Regensburg angenommen wurde. Zunächst gibt Beißinger einen sehr guten Überblick über die Entwicklung der wirtschaftswissenschaftlichen Theorien zur Erklärung des Zusammenhangs zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Ausgangspunkt ist dabei der Keynesianismus, nach dem ein dauerhafter trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit besteht. Da Ende der 60er Jahre ein solcher trade-off empirisch nicht mehr nachweisbar war, wurde die keynesianische Phillipskurve obsolet. Dies führte dazu, daß Monetaristen und neuklassische Ökonomen die Hypothese der Rate der natürlichen Arbeitslosigkeit formulierten (Inflationsstabile Arbeitslosigkeit = NAIRU). Diese natürliche Arbeitslosigkeit war unabhängig von der Inflationsrate und resultierte aus der Nutzenoptimierung der Haushalte: unfreiwillige Arbeitslosigkeit war abgeschafft, ein Rückschritt hinter Keynes. Die seit fast nunmehr 20 Jahren anhaltende Massenarbeitslosigkeit beeindruckte die Verfechter dieser Theorie nicht. Für sie müssen eben die Löhne noch flexibler (nach unten) und die Arbeitsbedingungen noch gelenkiger gemacht werden, dann läßt sich der Arbeitsmarkt räumen.

Im Laufe der 80er Jahre wurde dann - vor allem an der London School of Economics - ein auf der Annahme unvollständiger Konkurrenz auf den Güter- und Arbeitsmärkten basierendes Modell entwickelt, das die natürliche Arbeitslosenquote erklären sollte. Layard, Nickel und Jackman sind die führenden Vertreter dieses Modells.

Aufbauend darauf analysiert Beißinger mittels ökonometrischer Tests die Entwicklung von Arbeitslosigkeit und Inflation in der Bundesrepublik für die Jahre 1960 bis 1970. Die Jahre 1970 bis 1990 werden mit einem Modell der offenen Volkswirtschaft getestet. Dies ist das große wissenschaftliche Verdienst der Arbeit Beißingers, der das Modell der geschlossenen Volkswirtschaft von Layard wirklichkeitsnäher in ein Modell der offenen Volkswirtschaft überführt.

Die Arbeit enthält aber nicht nur große wissenschaftliche Verdienste, sie ist auch für den Praktiker direkt anwendbar und sollte in der Politikberatung Beachtung finden. Aus dem Text seien einige Passagen zitiert, um dies zu unterstreichen: "Die Rezession 1966/67 liefert damit einen ersten Hinweis für die Korrektheit der These, daß die Geldpolitik einen Anstieg der Arbeitslosigkeit herbeiführt, um die Inflationsrate zu reduzieren." Oder weiter: "Die für einen Anstieg der NAIRU in Frage kommenden angebotsseitigen Faktoren haben sich vor allem in den 80er Jahren in einer Weise entwickelt, daß man eher mit einem Rückgang der NAIRU gerechnet hätte." Oder: "Verschiedene Mechanismen führen bei zentraler Lohnverhandlung zu größerer Lohnzurückhaltung. Obige Ergebnisse legten den Schluß nahe, daß die Gewerkschaften bei zentralisierter Lohnbildung eine moderatere Lohnpolitik verfolgen, die dazu geeignet ist, einen höheren Beschäftigungsstand zu sichern." Wichtig auch: "Läßt die Wirtschaftspolitik einen Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit zu und betrachtet die Geldpolitik ausschließlich die Aufrechterhaltung der Preisstabilität als ihre Aufgabe, so ist eine Verschlechterung des trade-offs von Inflation und Arbeitslosigkeit die Folge." Oder zur Frage einer expansiven Fiskalpolitik: "Doch gerade für ein Land wie die Bundesrepublik Deutschland, das im Regelfall Leistungsbilanzüberschüsse aufweist, könnte eine vorübergehend durchgeführte expansive Fiskalpolitik in Rezessionen zur Verhinderung des Anstiegs der Arbeitslosigkeit in Betracht kommen." Und zum Schluß: "Das Ziel einer niedrigen Inflationsrate konnte die Bundesbank durch ihre Politik auf eindrucksvolle Weise herbeiführen; die Preisniveaustabilität mußte allerdings durch einen permanenten Anstieg der Arbeitslosigkeit erkauft werden."

Diese wenigen Zitate aus Beißingers Arbeit zeigen eindrucksvoll die hochaktuelle Relevanz der Studie. Wer heute beim wirtschaftspolitischen Problem Nr. 1 - wissenschaftlich oder politisch- mitreden will, sollte Beißinger gelesen haben. Man kann nur hoffen, daß Beißinger und seine Regensburger Kollegen emsig auf diesem Gebiet weiterarbeiten. Im Hinblick auf zukünftige Forschungsarbeiten wäre es wünschenswert, daß auch die Forschungsergebnisse von Phelps Berücksichtigung finden. Nach Phelps ist der Realzins eine entscheidende Determinante der Arbeitslosigkeit. Auch die These von Akerlof einer nicht linearen langfristigen Phillipskurve, die eine konstante NAIRU für Inflationsraten von über drei Prozent und eine ansteigende NAIRU für eine Inflationsrate von unter drei Prozent ergibt, verdient für zukünftige Untersuchungen Beachtung. Die Schweiz jedenfalls strebt eine Reinflationierung auf drei Prozent an, um die mehr als fünfjährige Stagnationsphase endlich zu überwinden.