Institut für Volkswirtschaftslehre

                                       Fachgebiet Dienstleistungs- und Arbeitsmarktökonomik (520G)

                                                                    
                                                                    
Prof. Dr. Thomas Beißinger


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Besprechung zu: 

Knut Gerlach, Ronald Schettkat (Hg.):
Beiträge zur Neukeynesianischen Makroökonomie.

Berlin: Ed. Sigma 1996, 185 S.

Die Besprechung ist erschienen in: Politische Vierteljahresschrift (PVS), 38(4), 1997, S. 903-905.

Gegen Ende der siebziger Jahre drohte die keynesianische Theorie in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Die plausible Kritik an der fehlenden Mikrofundierung diente den Verfechtern der neuklassischen Makroökonomik und später den Anhängern der Theorie realer Konjunkturzyklen als Rechtfertigung für einen radikalen Bruch mit der keynesianischen Auffassung von der Funktionsweise des Wirtschaftssystems. Wirtschaftspolitische Fragestellungen wurden in allgemeinen Gleichgewichtsmodellen walrasianischer Prägung diskutiert, in denen die unsichtbare Hand des Marktes für eine effiziente Allokation der Ressourcen sorgt. Da das Phänomen der unfreiwilligen Arbeitslosigkeit mit diesen Modellen nicht analysiert werden konnte, mußte zur Rechtfertigung der eingeschlagenen Forschungsstrategie die Relevanz des Problems selbst in Frage gestellt werden.

Die neukeynesianische Makroökonomik läßt sich als Antwort auf diesen - angesichts der heutigen Massenarbeitslosigkeit - durchaus problematischen Paradigmenwechsel in der Wirtschaftstheorie interpretieren. Sie übernimmt von der Theorie realer Konjunkturzyklen die Methodik, das Wirtschaftsgeschehen mittels konsistenter Gleichgewichtsmodelle auf der Grundlage optimierender Individuen zu deuten. Im Gegensatz zur Theorie realer Konjunkturzyklen werden allerdings Unvollkommenheiten auf den einzelnen Märkten in die Analyse einbezogen. Modelle mit unvollkommener Konkurrenz auf den Gütermärkten erbringen beispielsweise den Nachweis, daß die Verzögerung von Preisanpassungen individuell rational sein kann. Damit wird ein wesentlicher Kritikpunkt an den alten keynesianischen Modellen ausgeräumt, in denen die Existenz derartiger Rigiditäten ad hoc unterstellt wurde. Die Berücksichtigung asymmetrischer Informationen auf den Kapitalmärkten führt zu einem besseren Verständnis des Zusammenhangs von Kreditvergabe, Geld und Konjunkturschwankungen. Die verschiedenen Effizienzlohn-, Insider-Outsider-, Gewerkschafts-, und Suchtheorien, wie auch die Theorie impliziter Kontrakte, dienen schließlich dazu, unfreiwillige (und freiwillige) Arbeitslosigkeit zu erklären.

Der vorliegende Sammelband kann in den sieben Beiträgen, die auf verschiedenen Tagungen am WZB und IAB präsentiert wurden, natürlich nicht das gesamte Spektrum der neukeynesianischen Makroökonomik abdecken. Das erklärte Ziel der Herausgeber ist es vielmehr, mit den Beiträgen einzelne Aspekte der neukeynesianischen Theorie aufzugreifen und damit die weitere Diskussion zu stimulieren. Da bereits eine Vielzahl von Überblicksartikeln zur neukeynesianischen Makroökonomik vorhanden ist, wird auf eine eingehendere Besprechung der - durchaus informativen - Beiträge verzichtet, die sich auf einen Überblick über die Literatur beschränken (es handelt sich hierbei um den Artikel von Ronald Schettkat zur neukeynesianischen Arbeitsmarkt- und Beschäftigungstheorie, den Beitrag von Gustav A. Horn zur Preisbildung in der neukeynesianischen Makroökonomie und den Überblick von Stephan Seiter zur Neuen Wachstumstheorie).

Werner Smolny analysiert die Entwicklung von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland für die Jahre 1960 bis 1990 mittels eines makroökonomischen Ungleichgewichtsmodells. Modelle dieser Art scheinen zwar schon etwas in die Jahre gekommen, doch sind die empirischen Ergebnisse dieses Beitrags von großem Interesse. Werner Smolny zufolge ist der in den einzelnen Rezessionen erfolgte massive Anstieg der Arbeitslosigkeit vor allem auf den Rückgang der Güternachfrage zurückzuführen. Für die Persistenz der Arbeitslosigkeit sind allerdings unterschiedliche Faktoren verantwortlich. Während die unzureichende Beschäftigungsausdehnung in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre mit einer mangelnden Güternachfrage begründet wird, scheint in den achtziger Jahren vor allem der Prozeß der Beschäftigungsanpassung einen deutlichen Abbau der Arbeitslosigkeit verhindert zu haben. Die Relevanz des letztgenannten Faktors führt Werner Smolny auf die im Gegensatz zu den sechziger Jahren rasch wechselnde Güternachfrage zurück. Da sich dieser Beitrag auf eine Analyse der Beschäftigungsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland beschränkt, bleibt allerdings die Frage unbeantwortet, warum beispielsweise in den USA mit ebenfalls stark fluktuierender Güternachfrage in den achtziger Jahren eine andere Dynamik von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit zu beobachten war.

Eine mögliche Erklärung für die international unterschiedliche Entwicklung der Arbeitslosigkeit sehen Ronald Schettkat und Eileen Appelbaum in der Interaktion von sektorspezifischer Produktivitätsentwicklung, Beschäftigungswachstum und den institutionellen Rahmenbedingungen einer Volkswirtschaft. Der arbeitssparende Effekt des raschen Produktivitätswachstums im Verarbeitenden Gewerbe in den fünfziger und sechziger Jahren sei durch die mit der relativen Preissenkung einhergehende Güternachfrageausdehnung überkompensiert worden. Spätestens seit den achtziger Jahren dominiere aber der arbeitssparende Effekt des technischen Fortschritts, da die Nachfrage nach Gütern des Verarbeitenden Gewerbes preisunelastisch geworden sei. Die unterschiedliche Beschäftigungsentwicklung in den Industriestaaten hängt nach Meinung der Autoren dann maßgeblich davon ab, in welchem Ausmaß Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich geschaffen wurden. In dezentralisierten Ökonomien wie den USA war eine entsprechende Beschäftigungszunahme aufgrund der großen Lohnstreuung möglich, in einer zentralisierten Ökonomie wie Schweden waren dagegen staatliche Beschäftigungsprogramme maßgeblich. Am ungünstigsten stelle sich die Beschäftigungsentwicklung in den zwischen diesen Extremen liegenden Ökonomien dar. Zur Untermauerung dieser überaus interessanten These würde man sich allerdings eine noch stärkere modelltheoretische und empirische Fundierung wünschen, als von Ronald Schettkat und Eileen Appelbaum angeboten wird. So müßte aus theoretischer Sicht beispielsweise die Frage problematisiert werden, bei welchen Formen unvollkommener Konkurrenz auf dem Gütermarkt eine unelastische Güternachfrage überhaupt mit der Gewinnmaximierung der Firmen kompatibel ist.

Pascal Petit verweist darauf, daß die Beschäftigungsausdehnung im Dienstleistungssektor der USA mit einer Zunahme der Einkommensungleichheit verbunden war. Dagegen verzeichnete beispielsweise Frankreich keine Veränderung in der Einkommensverteilung, dafür nahm dort die Arbeitslosigkeit zu. Industrialisierte Länder scheinen sich daher einem trade-off zwischen Einkommensverteilung und Beschäftigung gegenüberzusehen. Wer sich von dem Beitrag von Pascal Petit eine Klärung dieser wichtigen Fragestellung erhofft hat, wird allerdings enttäuscht. Das theoretische Zweisektorenmodell kann aufgrund seines ad hoc-Charakters nicht überzeugen, und die Interpretation der empirischen Ergebnisse bleibt unklar.

In dem Beitrag von Peter Kalmbach wird gezeigt, daß eine am Produktivitätswachstum orientierte Lohnpolitik keineswegs zu einem konstanten Preisniveau oder zu einer konstanten Lohnquote führen muß. Die Analysen von Peter Kalmbach basieren auf einer aggregierten und einer sektoralen Variante einer häufig verwendeten Preissetzungshypothese, derzufolge der Preis als Aufschlag auf die Lohnstückkosten festgesetzt wird. Mit dieser Vorgehensweise bleibt Peter Kalmbach allerdings hinter den Möglichkeiten zurück, die die moderne Makroökonomik zur Analyse dieser Fragestellung bietet. In einem Modell mit unvollkommener Konkurrenz auf Güter- und Arbeitsmarkt hätte man die Auswirkungen einer am Produktivitätswachstum orientierten Lohnpolitik auf die Inflationsrate bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Beschäftigungswirkungen eingehender untersuchen können.

Abschließend läßt sich festhalten, daß in diesem Sammelband interessante und für die Wirtschaftspolitik bedeutsame Fragestellungen aufgegriffen werden. Obige Anmerkungen dienen eher dem Nachweis, daß mit diesem Band unbestritten die makroökonomische Diskussion in Deutschland belebt werden kann.